Koloniale Grüße einer Reisenden Teil 2

Aktualisiert: Apr 17


Das vermeintliche Bild von Afrika

AFRIKA. Das Land der wilden Tiere, der unendlichen Weite und der atemberaubenden Natur. Das Land der schönsten Sonnenuntergänge. Entdecken Sie das wilde und ursprüngliche Afrika. Tauchen Sie ein in das ursprüngliche und einfache Leben der Stämme der Massai und Zulu und vergessen Sie dabei ganz Ihren Alltag....


Eine ironische Anleitung wie sie allzu häufig über Afrika geschrieben wird. Diese Beschreibung könnte beispielsweise von einer Reiseagentur herausgenommen sein, als Einstieg für eine „Safari-Reise“ nach Afrika. Im medialen und gesellschaftlichen Diskurs sind nicht nur Beschönigungen Afrikas zu finden, hier finden sich vor allem folgende Begriffe, Assoziationen und Bilder: Ebola, Aids, Armut, Dürre, Eingeborene, Afrikaner*innen in Zulu- oder Massai-Tracht, Afrikanerinnen mit nackten Brüsten, hungernde Menschen, insbesondere Bilder von hungernden Kindern mit Blähbäuchen, Kriege, nackte Krieger*innen, Katastrophen, heiß, gefährlich, Musik und Rhythmus, Sonne, Trommel, groß, Stamm, „PromiAktivitst*innen“, Hilfsorganisationen, „Entwicklungshilfe“, „Entwicklungsland“, wilde Tiere,…


Dieses Gedankenpopkorn beschäftigt sich mit der Frage welche Bilder von Afrika und deren Bewohner*innen in der westlichen Welt vorherrschend sind. Und so wie es Chimamanda Adichie doch so schön am Punkt bringt – The Danger of a single Story, die Gefahr der einen einzigen Geschichte – so soll eine einseitige, verzerrte insbesondere durch die „weiße“ Brille blickende Betrachtungsweise über Afrika hinterfragt werden. Chimamanda Adichie ist Schriftstellerin und setzt sich in TEDTalk mit den Gefahren einseitiger Geschichten und Darstellungsweisen auseinander. Sie erzählt über ihr eigenes Leben sowie Erfahrungen in Nigeria und ihrem Studienaufenthalt in den USA. Sie verknüpft diese mit globalen Machtverhältnissen sowie Repräsentationsweisen. Dabei thematisiert sie die verengende Perspektive auf nur eine von vielen möglichen Geschichten über Gruppen, Orte oder Personen, Stereotype und Klischees. Insbesondere das Bild von Afrika, sei vorwiegend negativ behaftet und werde verzerrt dargestellt.


Wie bereits einleitend „überspitzt“ dargestellt, wird Afrika im gesellschaftlichen Diskurs häufig und fälschlicherweise als einziges Land und nicht als Kontinent dargestellt. Die unterschiedlichen Staaten und Gesellschaften werden unter dem Kontinent Afrika homogenisierend subsumiert. In der vorherrschenden Betrachtungsweise des Globalen Nordens über den Kontinent Afrika bzw. generell den Globalen Süden, wirken unter anderem nach wie vor koloniale Rassismen, die sich dadurch auszeichnen, indem den „Anderen“ besondere Triebhaftigkeit, Sexualität und Aggressivität unterstellt werden.


Europa konstruierte sowohl die törichte als auch die gefährliche Botschaft, die weiße „Rasse“ sei eine naturgegebene Norm und alle anderen „Rassen“ überlegen. Im Zentrum dieser konstruierten Überlegenheit stand der „weiße Mann“, der die kolonisierte Welt „zivilisieren“ und „modernisieren“ müsse. Anhand kritischer Auseinandersetzungen mit Afrika-Bildern und Diskursen, vor allem im westeuropäischen Kontext, lässt sich eine Gleichzeitigkeit von Präsenz und Absenz erkennen. So kommt es zu einer Anwesenheit bzw. sogar Überpräsenz rassistischer Konstruktionen Afrikas, die jedoch mit einer weitgehenden Abwesenheit von Wissen über und Auseinandersetzung mit der Vielzahl afrikanischer Lebenswelten und Gesellschaften einhergehen. Basierend auf groben Stereotypisierungen und Fehlinformationen ist die Repräsentation Afrikas zumeist verbunden mit Krisen, Katastrophen, Miseren, etc. Die Dimension rassistischer Stereotypisierung tritt insofern deutlich hervor, indem die Behauptung in diversen deutschen Wörterbüchern und Enzyklopädien aufgestellt wurde, dass sich der Name Afrika von dem Tiernamen „Affe“ ableite. In Kolonial-rassistischen Repräsentationen, die eine lange Geschichte in sich tragen, wurden Schwarze Menschen metaphorisch als Affen dargestellt und der Kontinent Afrika wurde mit Natur und wilden Tieren assoziativ verknüpft, was heute nach wie vor nachwirkt. Europa bzw. der Globale Norden steht für den Mittelpunkt der Welt, für modern, zivilisiert und entwickelt, Afrika bzw. der Globale Süden wurde hingegen als „niedrigste Entwicklungsstufe“ verortet. Afrikanische Lebenswelten gelten als traditionell und naturverbunden. Afrika wird häufig mit Natur gleichgesetzt – Bilder von „Primitivität“ und „Ursprünglichkeit“ werden dabei sowohl exotisierend als auch negativ besetzt. Vor allem auch in Tier- und Spielfilmen fungiert Afrika als Ort der „wilden Tiere“. Schwarze Menschen tauchen hier häufig nur am Rande der Geschichte auf und werden zudem als Teil der Natur gezeigt, wie beispielsweise es der Film Tarzan veranschaulicht.


Insbesondere die Sprache besitzt im kolonialen Diskurs eine wirkmächtige Komponente. Gewisse Wörter, deren Ursprung in der Eroberung und der Kolonialzeit liegen, werden heute noch selbstverständlich verwendet. Es kam zu einer ganzen Reihe an Begriffen die auf rassistische Konstruktionen der Grenzziehung zwischen „Uns“ und den „Anderen“ basieren, Begriffe wie „Stämme“, „Häuptling“, „Buschmann“, „Eingeborene*r", beispielsweise geht durch die Silbe „–ing“ auf einen Ausdruck der Verniedlichung zurück.


Wie bereits thematisiert ist die Darstellung Afrikas mit rassistischen Konstruktionen verknüpft und Rassismus funktioniert durch wertende Gegenüberstellungen. Durch Abgrenzung vom Anderen wird das Bild der eigenen Gruppe positiv gestärkt und eigene Widersprüche können dadurch ausgeblendet werden. In der Gegenüberstellung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden kann diese wertende Abgrenzung gut veranschaulicht werden. So wird der Globale Süden bzw. Schwarz sein mit traditionell, unterentwickelt, passiv, unveränderlich, primitiv/einfach, emotional/irrational/fühlend, ursprünglich/naturnah, ländlich und undiszipliniert und ihrer Kultur verhaftet in Verbindung gebracht. Weißsein und der Westen steht für modern, entwickelt, ständig im Wandel, aktiv, gebend, komplex, rational/denkend/wissend, fortschrittlich/kultiviert, städtisch, zivilisiert und diszipliniert.


Demnach hat der Westen also viele verschiedene Arten produziert, über sich und die „Anderen“ zu sprechen. Einer der nach wie vor machtvollsten Diskurse unserer Zeit ist der selbsternannte Diskurs „Der Westen und der Rest“. Er wurde zur führenden Rolle, wie der Westen sich selbst und seine Beziehungen zu „Anderen“ während vieler Jahrzehnte repräsentierte. Der Soziologe Stuart Hall nimmt beispielsweise an, dass dieser Diskurs nach wie vor, jedoch in überarbeiteter und transformierter Form, die Sprechweise des Westens, seine eigenen Vorstellungen über sich selbst und den „anderen“, seine Bedeutung von „Wir“ und „Sie“, seine Machtbeziehungen und Methoden gegenüber dem Rest, beeinflusst. Diese Sprechweisen der „rassistischen“ Unterlegenheit und der ethnischen Überlegenheit seien nach wie vor machtvoll und wirken über den ganzen Globus verteilt.


Dieses Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen und ich freue mich über euer Interesse. Meine Beiträge können vielleicht Irritationen oder auch in gewisser Weise ein Unverständnis oder/und ein Unwohlsein auslösen. Ich möchte keinesfalls eine "Reisespaßverderberin" sein, sondern auf ungleiche Verhältnisse aufmerksam machen und vermeintliche Normalitäten sowie vermeintliches Wissen versuchen aufzubrechen. Auch durch das Schreiben und Lesen kann eine Menge bewegt werden - so wie Ruth Ginsberg sagt:

Fight for the things you care about, but do it in a way that will lead others to join you.

Ich freue mich darauf, etwas in euch bewegen zu dürfen. Eure Claudia.



Verwendete Literatur:


Arndt, Susan (2015): Rassismus. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2015): (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 2. Auflage, S. 37-43.


Chimamanda Adichie, TEDGlobal 2009: The Danger of a Single Story, https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story/transcri pt?language=de


Glokal e.V., 2013: Mit kolonialen Grüßen… Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet. 2. Überarbeitete Auflage.


Hall, Stuart (2012): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Argument Verlag 1994, Hamburg.


Rommelspacher, Birgit (2009): Was ist eigentlich Rassismus? In: Melter C./Mecheril P. (Hg.): Rassismuskritik, Rassismutheorie und –forschung (Bd. 1), Schwalbach/Ts. Wochenschau.


Wainaina, Binyavanga (2015): Afrika – und wie Sie darüber schreiben sollten. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2015): (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 2. Auflage, S. 197- 200.


Weicker, Anna / Jacobs, Ingrid (2015): Afrika. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2015): (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 2. Auflage, S. 200-214.

© Generation Wir

Claudia Anzinger

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